Wie entstehen Standzeiten und Zusatzkosten im Transport?

Standzeiten und Zusatzkosten gehören zu den Themen, über die eigentlich niemand reden möchte. Weder der Auftraggeber, der plötzlich eine Rechnung erhält, die er nicht erwartet hat, noch der Spediteur, der erklären muss, warum ein Transport teurer geworden ist als vereinbart. Trotzdem passiert es regelmäßig. Und meistens wäre es vermeidbar gewesen.

Ich erkläre in diesem Beitrag, wie Standzeiten und Zusatzkosten entstehen, was dahinter steckt und wie wir bei Martin Spedition versuchen, sie im Vorfeld zu verhindern. Mit konkreten Beispielen aus der Praxis, nicht aus dem Lehrbuch.

Was ist eigentlich Standgeld?
Standgeld ist die Ausgleichszahlung, die ein Transportunternehmen verlangen kann, wenn ein Fahrzeug unverschuldet länger als vereinbart warten muss. Die rechtliche Grundlage dafür findet sich im deutschen Handelsgesetzbuch. Als Orientierung gilt, dass für ein 40-Tonnen-Fahrzeug jeweils zwei Stunden für die Beladung und zwei Stunden für die Entladung angemessen sind. Wird diese Frist überschritten, ohne dass der Frachtführer dafür verantwortlich ist, entsteht ein Standgeldanspruch.
 
In der Praxis liegen die Sätze je nach Vereinbarung und Gericht zwischen 30 und 80 Euro pro Stunde. Das klingt nach wenig. Aber wenn ein Fahrzeug tagelang an einer Grenze oder vor einem Lager steht, summiert sich das schnell.

Beispiel 1: Fehlende Referenznummer, Fahrzeug kommt nicht rein
Für viele Industriebetriebe, Logistikzentren und Lagerhäuser gilt: Ohne Referenznummer, auch Lade- oder Buchungsnummer genannt, kommt kein Fahrer auf das Gelände. Der Pförtner schickt ihn weg. Der LKW steht vor dem Tor.

Das klingt banal. Aber es kommt regelmäßig vor, dass diese Nummer im Transportauftrag fehlt oder dem Kunden selbst nicht bekannt ist. In solchen Fällen fährt das Fahrzeug unverrichteter Dinge wieder ab, und ein zweiter Anfahrversuch muss organisiert werden.

Aus diesem Grund prüfen wir jeden Transportauftrag vor der Disposition auf Vollständigkeit. Fehlt eine Referenznummer, klären wir das rechtzeitig mit dem Auftraggeber, bevor der Fahrer losfährt. Das kostet uns ein paar Minuten. Es erspart dem Kunden die Kosten eines zweiten Anfahrversuchs und uns eine unangenehme Diskussion.

Beispiel 2: Der Empfänger ist nicht vorbereitet, die Zollabfertigung stockt
Bei einem internationalen Transport traf eine Sendung pünktlich im Bestimmungsland ein. Die Zollabfertigung konnte jedoch nicht beginnen, weil der Empfänger die notwendigen Vorbereitungen nicht rechtzeitig getroffen hatte. Die erforderlichen Unterlagen fehlten, und ein Vertrag mit einem Zolllager beziehungsweise einem Lager für vorübergehende Verwahrung war nicht abgeschlossen worden.

Die Folge: Das Fahrzeug stand. Nicht weil es zu spät angekommen war, sondern weil am Zielort niemand bereit war, die Ware zu übernehmen. Das ist ein klassischer Fall von vermeidbarer Standzeit, der nichts mit dem Transport selbst zu tun hat.

Was wir dagegen tun: Nach dem Grenzübertritt stellen wir unseren Kunden die T1-Versanddokumente zur Verfügung und nehmen aktiv Kontakt mit dem Absender oder dem Empfänger auf. Da zwischen Grenzübertritt und Ankunft am Entladeort häufig noch mehrere Tage liegen, bleibt ausreichend Zeit, um Voranmeldungen beim Zoll vorzubereiten, fehlende Unterlagen zu beschaffen und alles zu organisieren, was für eine reibungslose Abfertigung nötig ist. Diese aktive Kommunikation während des Transports ist einer der Hauptgründe, warum unsere Kunden seltener mit unerwarteten Zusatzkosten konfrontiert werden.

Beispiel 3: Das Zolllager am Bestimmungsort ist voll
Auch wenn alles auf unserer Seite stimmt, kann es Situationen geben, die sich nicht vollständig vorhersehen lassen. In einem konkreten Fall hatte das Fahrzeug den Empfänger pünktlich erreicht. Die Entladung verzögerte sich jedoch erheblich, weil das vorgesehene Lager zur vorübergehenden Verwahrung ausgelastet war. Kein freier Platz, kein Entladetermin. Der Fahrer musste warten.

Solche Situationen treten besonders in Zeiten mit hohem Warenaufkommen auf und lassen sich nicht immer vermeiden. Was man aber tun kann: die verfügbaren Lagerkapazitäten vor der Anlieferung abfragen. Es ist erkennbar, dass Engpässe zu erwarten sind; daher sollte frühzeitig ein alternativer Standort abgestimmt werden. Das erfordert etwas mehr Vorlaufzeit bei der Planung, verhindert jedoch Wartezeiten, die am Ende allen Beteiligten Geld und Nerven kosten.

Warum entstehen die meisten Standzeiten?
Ich habe in den Jahren im internationalen Transport gelernt, dass die häufigsten Ursachen für Standzeiten und Zusatzkosten nichts mit dem Transport selbst zu tun haben. Sie entstehen durch fehlende Informationen, mangelnde Vorbereitung auf einer der beteiligten Seiten oder schlicht durch fehlende Kommunikation zwischen Absender, Empfänger und Spediteur.

Fehlende oder falsche Adressen, die den Fahrer zur falschen Entladestelle führen. Fehlende Zolldokumente, die die Abfertigung blockieren. Kein vereinbartes Zeitfenster an der Rampe, obwohl das Lager eine Buchung voraussetzt. Überraschende Änderungen kurz vor der Lieferung, die niemanden rechtzeitig erreicht haben.

All das lässt sich durch eine sorgfältige Prüfung des Transportauftrags im Vorfeld und eine klare Kommunikation während des Transports erheblich reduzieren.

Was Standzeiten rechtlich bedeuten
Transportunternehmen haben einen gesetzlichen Anspruch auf Standgeld, den der Auftraggeber nicht einfach vertraglich ausschließen kann. Der Bundesgerichtshof hat das 2010 klar bestätigt. Trotzdem kommt es in der Praxis immer wieder zu Streitigkeiten, weil nicht dokumentiert wurde, wann das Fahrzeug eingetroffen ist, wie lange es gewartet hat und aus welchem Grund.

Mein Rat: Lass deine Fahrer die Wartezeiten schriftlich festhalten, auch wenn das Rampenpersonal keine Bestätigung unterzeichnet. Diese Aufzeichnungen sind im Streitfall wichtige Nachweise. Und kläre im Vorfeld mit deinem Spediteur, was bei Nichteinhaltung eines Zeitfensters gilt.
 
 

FAQ zu Standzeiten und Zusatzkosten 

Standzeiten entstehen, wenn ein Fahrzeug länger als die vereinbarte Lade- oder Entladezeit warten muss und dadurch nicht planmäßig weiterfahren kann.

Während der Wartezeit fallen für Fahrer, Fahrzeug und Planung weiterhin Kosten an. Diese zusätzlichen Aufwendungen werden häufig als Standgeld berechnet.

Typische Ursachen sind nicht bereitgestellte Ware, fehlende Dokumente, lange Ladezeiten, Personalengpässe oder Probleme bei der Zollabfertigung.

Zollkontrollen können zusätzliche Wartezeiten verursachen, insbesondere wenn Dokumente fehlen oder Waren überprüft werden müssen.

Verspätungen wirken sich oft auf nachfolgende Touren aus. Dadurch können weitere Abholungen und Zustellungen nicht mehr wie geplant erfolgen.

Eine gute Vorbereitung ist entscheidend. Bereitstehende Ware, vollständige Dokumente, klare Zeitfenster und abgestimmte Abläufe helfen, unnötige Wartezeiten zu reduzieren.

Das hängt von den vertraglichen Vereinbarungen und der Ursache der Verzögerung ab. Entstehen Wartezeiten durch den Versender oder den Empfänger, werden die Kosten häufig an den Verursacher weitergegeben.

Viele Transportunternehmen gewähren eine vereinbarte Lade- oder Entladezeit. Wird diese überschritten, können je nach Vertrag und Land zusätzliche Standgeldkosten anfallen.



Mein Fazit
Standzeiten und Zusatzkosten sind selten das Ergebnis schlechten Willens. Sie entstehen meist durch Lücken in der Vorbereitung, fehlende Informationen oder Abstimmungsprobleme zwischen den Beteiligten. Wer frühzeitig kommuniziert, Transportaufträge vollständig prüft und aktiv nachfragt, wenn etwas unklar ist, vermeidet die meisten dieser Situationen.
Alfred Martin
Über den Autor Alfred Martin Strategic Logistics Advisor

Über 25 Jahre Erfahrung in internationaler Logistik, Straßentransport und Luftfracht bei der MARTIN Internationale Spedition GmbH.

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